Die Pythonschlange und die Würmer
Bengalen war schon immer die Heimat unzähliger Heiliger. Im 17. Jahrhundert lebte dort ein großer Weiser namens Hari Rai. Einst wanderte er mit einigen seiner Getreuen durch eine freundliche Gegend. Mit ihren Gedanken und Gesprächen in Gott vertieft, entdeckten die Männer auf einmal eine Pythonschlange, die reglos am Wegesrand lag. Sie traten an das Tier heran und als sie es aus der Nähe betrachteten, bemerkten sie, wie unzählige Würmer aus seinem Leib hervorkrochen. Im nächsten Augenblick zuckte der Körper der Schlange noch einmal kurz auf, und dann war alles Leben aus ihr gewichen. Die Schüler waren über diesen Anblick sehr betroffen. Wie kam eine Schlang zu solch einem Leiden? Sie muß Furchtbares durchgemacht haben, denn diese Würmer hatten sie von innen zerfressen und vollständig ausgehöhlt. „O Meister“, rief einer der jungen Männer aus, „wie kann so etwas geschehen?“ Da erwidert Hari Rai: „Die Schlange war in ihrem vorherigen Leben ein selbst ernannter Meister. Viele Menschen machte er zu seinen Anhängern. Er nahm ihr Geld an sich und ließ sich von ihnen ernähren und unterhalten. Auf ihre Kosten machte er sich ein schönes und bequemes Leben. Jetzt aber musste er alles mit gleicher Münze zurückzahlen, seine Schüler ernährten sich vom ihm, von seinem Fleisch. Hierzu hatte er den Körper einer Schlange erhalten, und seine früheren Anhänger den Körper von Würmern. Auch sie sind in einem bemitleidenswerten Zustand, denn wenn der Meister leidet, leiden seine Anhänger noch mehr, ja, viel mehr. Unwissenheit schützt vor Strafe nicht. Also achtet wohl darauf, wem ihr folgt“!
Die Kunst des Bogenschiessens
Die Kunst des Bogenschiessens galt in früheren Zeiten als etwas ganz Besonderes. Meister dieses Fachs unterwiesen nur Königssöhne und hochgestellte Offiziere in dieser Kunst. Nun geschah es einst, das ein armer Junge, der keine Eltern mehr hatte, große Sehnsucht in sich ´zu spürte, wie die berühmten Bogenschützen die Bogensehne zu spannen, den Pfeil auf das Ziel zu richten und es unfehlbar zu treffen. Sein Verlangen wurde so stark, dass er sich eines Tages zu dem höchsten Meister des Bogenschießens aufmachte. Einige Zeit stand er wartend vor dem Wohnhaus des Lehrers, bis dieser das Haus verließ. Da ging er auf ihn zu und fragte: “Verehrter Meister, bitte nimm mich als deinen Schüler an!” Der Meister schenkte ihm keinerlei Beachtung, nur einer seiner Begleiter erwiderte gnädig: “Das Bogenschießen ist eine hohe Kunst, und nur Auserwählte können sie erlernen. Für Bettkinder wie dich ist das nichts. ”Da war der Junge sehr traurig. Doch sein Wunsch hatte sich so tiefer in sein Herz eingegraben, dass er eine Lösung für sich fand. Er ging hinaus in den Wald und baute sich aus Ästen und Moos eine große Puppe. Dann lehnte er sie an einen Baum und sprach zu ihr: “Du bist mein Lehrer und mein Meister. Und ich möchte jetzt die Kunst des Bogenschießens von dir lernen!” Er hatte sich einen Bogen gebastelt und große Mühe darauf verwandt, sich gute, gerade Pfeile zu schnitzen. Für ein armes Kind war es nicht leicht gewesen, eine feste Sehne aufzutreiben. Doch unter den Abfällen eines Gerbers fand er ein gutes unbeschädigtes Stück Ziegendarm. Er wusch in aus, trocknete ihn und befestigte ihn an den beiden Enden seines Bogens schließlich baute er sich eine Zielscheibe und befestigte sie an einem Baum. Nun ergriff er den Bogen, hielt ihn in Brusthöhe, legte den Pfeil an und spannte die Sehne. “Ist es so richtig?” fragte er. In seiner Vorstellung tadelte und korrigierte der Meister seine Bogen- und Körperhaltung, zum Beispiel, wenn er mit den Gedanken nicht voll und ganz bei der Sache war und das Ziel verfehlte.
Er stellte sich Aufgaben aus der Sicht des Meisters, und wenn er sie nicht zu seiner vollen Zufriedenheit erfüllte, dachte er: “Meister damit bist du sicher gar nicht zufrieden. Bitte zeige mir, wie ich es besser machen kann! ”So widmete er jede freie Minute seiner Leidenschaft und übte mit großer Geduld und Ausdauer. Nach einem Jahr war er ein ausgezeichneter Bogenschütze geworden, der bei jedem Schuss ins Schwarze traf. Längst schoß er nicht mehr auf grobe Zielscheibe, sonder nutzte im Wald jede Gelegenheit, sein Können zu schulen: ein Astloch, die Beere eines Schlingengewächses hoch oben im Baum, ein kleines Blatt, das weit weg an einem Ast glänzte, ja, er durchschoß winzige Zweige am wilden Mangobaum und erntete so süßesten Früchte.
Eines Tages, als er sich gerade wieder in Gedanken mit seinem Meister besprach, wie die Sehne noch besser gespannt werden könne, drang Geräusche an sein Oh. Er lauschte und vernahm Männerstimmen. Er schlich näher und erblickte den großen Meister mit einigen Schülern. Ausgerechnet der Wald, in dem er übte, war als Platz für ein Wettschießen ausgewählt worden. Der Junge hielt sich hinter einem Baum versteckt, und sah erstaunt, wie die Schüler des großen Meisters ihr Ziel meist verfehlten. Ihre Pfeile flogen hierhin und dorthin, und kaum einer traf die Zielscheibe auch nur am Rande, geschweige denn in der Mitte. Der Junge schämte sich für seinen Meister, und schließlich konnte er sich nicht mehr halten. Er sprang aus seinem Versteck hervor und rief: “Meister, bitte, lasst mich einen Versuch wagen! “Der Meister war durch die Enttäuschung, die ihm seine Schüler bereitet hatten, nachdenklich geworden. Nun, schlimmer konnte es eigentlich nicht mehr kommen. „Nun gut! Wenn du meinst, du kannst es besser, dann beweise es!“ Unter den spöttischen Blicken der jungen Männer griff er nach Pfeil und Bogen. Im Vergleich zu den kunstvoll gearbeiteten Bögen der Fürstensöhne erschienen sie wie Kinderspielzeug. Der Junge verbeuge sich tief vor dem Meister, stellte sich hinter die vorgezeichnete Linie, hob den Bogen, spannte ihn und zielte ruhig und gelassen auf die Scheibe. Und wirklich, alle seine Pfeile trafen genau in die Mitte der Zielscheibe! Da hörte er die freundliche Stimme des Meisters: „Wer hat dich unterrichtet? Dein Lehrer muß ein großer Meister sein.“ Der Junge sank dem Meister zu Füßen und sprach: „Verehrter Meister! Ihr seid es, von dem ich das Bogenschießen erlernt habe, von niemandem sonst.“ „Nein, nein“, sprach der Lehrer, „ das ist unmöglich. Ich erinnere mich, ich habe deinen Wunsch, dich als Schüler anzunehmen, nicht einmal hören wollen. “Da erwiderte der Junge: „Das ist richtig. Ihr habt mich nicht als Schüler angenommen, aber ich habe Euch trotzdem als Lehrer genommen und habe so das Bogenschießen durch Euch erlernt.“
„Das Leben, das ich selbst gewählt"
Ehe ich in dieses Erdenleben kam,
ward mir gezeigt, wie ich es leben würde:
Da war Kümmernis, da war Gram,
da war Elend und Leidensbürde.
Da war Laster, das mich packen sollte,
da war Irrtum, der gefangen nahm,
da war der schnelle Zorn, in dem ich grollte,
da waren Haß und Hochmut, Stolz und Scham.
Doch da waren auch die Freuden jener Tage,
die voller Licht und schöner Träume sind,
wo Klage nicht mehr ist und nicht mehr Plage
und überall der Quell der Gaben rinnt.
Wo Liebe dem, der noch im Erdenkleid gebunden,
die Seligkeit des Losgelösten schenkt,
wo sich der Mensch der Menschenpein entwunden
als Auserwählter hoher Geister denkt.
Mir war gezeigt das Schlechte und das Gute,
mir ward gezeigt die Fülle meiner Mängel.
Mir ward gezeigt die Wunde, draus ich blute,
mir ward gezeigt die Helfertat der Engel.
Und als ich so mein künftig Leben schaute,
da hört' ein Wesen ich die Frage tun,
ob ich dies zu leben mich getraue,
denn der Entscheidung Stunde schlüge nun.
Und ich ermaß noch einmal alles Schlimme –
„Dies ist das Leben, das ich leben will!"gab ich zur Antwort mit entschloss'ner Stimme
und nahm auf mich mein neues Schicksal still.
So ward ich geboren in diese Welt,
so wars, als ich ins neue Leben trat.
Ich klage nicht, wenn's oft mir nicht gefällt,
denn ungeboren hab' ich es bejaht.
Hermann Hesse

Wassermannzeitalter und Synthese
In jedem Zeitalter erringt die Menschheit eine spezifische neue Qualität. Im Zeitalter der Fische, das jetzt endet, war es die göttliche Entwicklung zur Individualität mit den Qualitäten der Hingabe und des Idealismus. Das ist ein gewaltiger Fortschritt auf dem langen Weg der Evolution, und das hat die Menschen auf die Segnungen des Wassermanns vorbereitet.
Auch die neue Wassermann-Epoche hat eine eigene Qualität – Synthese – und wird dafür sorgen, daß sich dieses göttliche Attribut in der kommenden Zeit in weltweiter Einheit niederschlägt. Die heutige Zeit des Umbruchs, der Spaltung und Ausgrenzung wird nach und nach in eine Epoche münden, in der die zunehmenden Kräfte des Wassermanns ihre Magie entfalten und die isolierten, widerspenstigen Teile wieder harmonisch vereinen und miteinander verknüpfen. Dadurch werden die Menschen eine außergewöhnliche Transformation erfahren, die umfassender und schneller vor sich gehen wird als jede andere in ihrer langen Geschichte.
Damit das geschehen kann, müssen die Menschen auf die einströmenden Energien angemessen reagieren, indem sie die Weltstrukturen so umgestalten, daß sie für die synthetisierenden Kräfte des Wassermanns kein Hindernis darstellen. Die Meister werden als reale Personen mitten unter den Menschen leben und ihnen all ihre Erfahrung und ihr ganzes Wissen zur Verfügung stellen. So wird es sein, und damit werden die Menschen wieder mit dem Aufstieg zu ihrer gottgegebenen Bestimmung beginnen und ihre Einheit – in ihrer ganzen Herrlichkeit – mit Gott und mit allen Menschen demonstrieren.
Niemand geht durchs Leben, ohne Fehler zu machen. Grüble nicht nach über die Fehler, die du gemacht hast. Bereue sie, und dann vergiß sie, doch bewahre die gewonnene Erfahrung.
Swami Sivananda
OM Bolo Sadguru Sivananda Maharaj Ji Ki „JAYA“
Der alte Weise und sein Pferd.
Ein alter Mann lebte in einem Dorf. Er war sehr arm, aber selbst Könige beneiden ihn, denn er besaß ein wunderschönes weißes Pferd. Sie boten dafür fantastische Summen, aber er verkaufte es nicht. Eines Morgens fand er sein Pferd nicht im Stall. Das ganze Dorf versammelte sich. “Du dummer alter Mann“, sagten die Leute, “wir haben immer gewusst, dass das Pferd eines Tages gestohlen wird. Es wäre besser gewesen, du hättest es verkauft. Welch ein Unglück!”Der alte Mann aber antwortet: “Geht nicht so weit, das zu sagen. Sagt einfach, das Pferd ist nicht im Stall. So viel wissen wir, alles andere ist Urteil. Ob es ein Unglück ist oder ein Segen, kann ich nicht sagen, weil ich es nicht weiß, was darauf folgen wird.” Die Leute lachten den Alten aus. Sie hatten schon immer gewusst das er ein bisschen verrückt war. Aber nach fünfzehn Tagen kehrte das Pferd plötzlich zurück. Es war nicht gestohlen worden sondern in die Wildnis ausgebrochen. Nun kam es wieder und brach noch zwölf wilde Pferde mit. Gleich versammelten sich die Leute und sagten: “ Alter Mann du hattest Recht. Es hat sich tatsächlich als Segen erwiese.”Der Alte entgegnete jedoch: “Wieder geht ihr zu weit. Sagt einfach, das Pferd ist wieder zurück. Ihr lest nur ein einziges Wort im Satz. Wie könnt ihr das ganze Buch beurteilen?” Der alte Mann hatte einen einzigen Sohn und der begann die Wildpferde zu trainieren. Eines Tages fiel er vom Pferd und brach sich beide Beine. Wieder versammelten sich die Leute und wieder urteilten sie: “Du hast Recht - es war ein Unglück. Dein einziger Sohn ist nun verkrüppelt und er war doch die Stütze deines Alters. Jetzt bist du ärmer als je zuvor.” Der Alte aber antwortet: “Ihr seid besessen vom Urteilen. Geht nicht so weit. Sagt nur das sich mein Sohn die Beine gebrochen hat. Niemand weiß, ob dies ein Unglück oder ein Segen ist.” Es begab sich, dass das Land nach einiger Zeit in einen Krieg verwickelt wurde. Alle jungen Männer des Ortes wurden zum Militär eingezogen. Nur der Sohn des alten Mannes blieb zurück, weil er nicht kämpfen konnte. Der ganze Ort war von Wehklagen erfüllt, weil dieser Krieg nicht zu gewinnen war. Man wusste, dass die meisten Männer nicht nach zu Hause zurückkehren würden. Die Menschen kamen zum alten Mann und sagten: “Du hattest Recht, alter Mann. Das Unglück hat sich tatsächlich als Segen erwiesen. Dein Sohn ist zwar verkrüppelt, aber immerhin ist er noch bei dir.” “Ihr hört nicht auf zu urteilen”, erwidert der alte Mann. “Niemand weiß, was kommt. Sagt nur, das man eure Söhne in die Armee eingezogen hat und das mein Sohn nicht eingezogen wurde. Lernt, die Dinge aus höherer Warte so sehen! Dann werdet ihr ganz von selbst aufhören zu urteilen.”

Der moderne Mensch wird in einem Beschäftigungstaumel gehalten,
damit er nicht auf die Idee kommt über den Sinn des Lebens und der Welt nachzudenken...
Albert Schweitzer